Tibetische Medizin ist das Geschenk meines Vaters

Wie sind Sie zur Tibetischen Medizin gekommen?

Dr. Lobsang Dripatsang: Geboren und aufgewachsen bin ich in Tibet. Mein Vater war bereits Arzt der Tibetischen Medizin. Gemäss der jahrhundertealten Tradition erlernte ich von meinem Vater das Wissen vom Heilen. Bereits mit dreizehn Jahren hat mein Vater begonnen, mir das Wissen weiter zu geben. Er führte mich in die Grundlagen der Konstitutionslehre und die Philosophie des Tibetischen Buddhismus ein.

Wussten Sie also damals schon, dass Sie in die Fussstapfen Ihres Vaters treten möchten?

Ja. Die Faszination sowie die Anschauung des tibetischen Medizinsystems und der Philosophie wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Die Zusammenhänge der Elemente, der Umwelt, des Körpers und der Gesundheit faszinierten mich von Beginn an. Ich wusste, dass ich mit dem Wissen dieser Tradition den Menschen helfen kann. Um auch anderen Menschen helfen zu können vertiefte ich als junger Teenager mein Wissen zum sowa rigpa (tibetisch für das Wissen vom Heilen), neben der Ausbildung meines Vaters, für fünf Jahre im Nechung Kloster in Lhasa, Tibet.

Danach haben Sie als Arzt gearbeitet?

Nicht ganz. Um den Doktor-Titel Amchi zu erlangen, habe ich das offizielle Studium für Traditionelle Tibetische Medizin an der Universität von Qinghai absolviert. Amchi ist die tibetische Bezeichnung für Arzt der Tibetischen Medizin. Nach meinem Studium habe ich fast 10 Jahre in der Familien-Praxis in Tibet gearbeitet.

Behandeln Sie in auch nicht-Tibeter?

Ich bin Arzt geworden, um den Menschen zu helfen und habe das Glück, dass ich von vielen Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern das Vertrauen geschenkt bekommen habe.

Sind bei Patienten aus dem Westen andere Behandlungsmethoden gefordert als in Tibet?

Grundsätzlich arbeite ich immer gleich und gehe dann jeweils individuell auf die einzelnen Bedürfnisse der Person ein. Die Pulsdiagnose gibt mir erste Hinweise auf Schwachstellen und Blockaden im Körper. Ausserdem stelle ich zu jedem Puls noch Fragen, so kann ich mir ein genaueres Bild über die Beschwerden machen. Je nach Krankheit ist eine Zungen- oder Urinanalyse sinnvoll. Nach der Diagnose mache ich Empfehlungen zur Ernährung, zu Atem- und Bewegungsübungen. Aber auch äussere Anwendungen wie Massagen, Ku Nye, Moxa-Behandlungen, Schröpfen usw. kommen hier zur Umsetzung. Wenn nötig, empfehle ich zudem traditionelle Kräuter-Rezepturen, um die Energien im Körper wieder in Balance zu bringen und die Therapie zu unterstützen. Tibetische Kräuter-Rezepturen geben dem Körper sanfte Impulse um die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Denken Sie, die Leute können im Westen von der Tibetischen Medizin profitieren?

Ich denke der Wissenstransfer ist eine gute Ergänzung für beide Seiten. Ich schätze es, wie die verschiedenen Medizinsysteme hier auch auf der forschenden Ebene Platz finden. Es ist mir persönlich ein grosses Anliegen, das traditionelle Wissen auch für zukünftige Generationen zu bewahren, aber auch für Menschen ausserhalb von Tibet oder Indien nutzbar und anwendbar zu machen. Als Experte für die Tibetische Konstitutionslehre unterstütze ich z. B. auch eine Schweizer Firma, die tibetische Kräuter-Rezepturen herstellt, indem ich bei der Wissenstransformation, bei der Übersetzung alter Schriften und Rezepturen sowie bei der Erforschung traditioneller Kräuter-Rezepturen helfe.

Amchi Lobsang, herzlichen Dank für das spannende Interview. Tashi Delek.

Posted by clz