Mein Weg zur und mit der Tibetischen Medizin

Diego Jud hat ursprünglich Mediamatiker gelernt. Heute hat er eine eigene Praxis für Physiotherapie, Tibetische Medizin und Craniosacrale Osteopathie. Wie er vom  Kommunikationstechnologie-Fachmann erst zur Physiotherapie und später zur Traditionellen Tibetische Medizin (TTM) kam, schildert Diego Jud in diesem Interview und berichtet auch über die Ausbildung in Tibetischer Medizin an der Paramed.

Diego Jud, Sie kommen ursprünglich aus einem komplett anderen Berufsfeld und hatten mit dem Gesundheitsbereich nur wenig zu tun. Wie kam es zu der Veränderung in Ihrem Lebenslauf?

Ich hatte genug von der ganzen IT-Welt und wollte mich beruflich verändern. So kam ich dann nach reiflicher Überlegung zum Physiotherapeuten. Ich hatte mich innerlich schon entschieden, da hat ein schwerer Unfall, die danach nötige Physiotherapie und die Genesung meinen Entscheid, die Ausbildung zum Physiotherapeuten zu machen, noch bestärkt und bestätigt.

Ihrer Ausbildung und der Arbeit als Physiotherapeut folgte die Ausbildung in Tibetischer Medizin an der Paramed. Was hat Sie zur Tibetischen Medizin gebracht?

Ich war auf einer einjährigen Reise durch Asien. Indien, Nepal und Sri Lanka habe ich bereist und dabei immer wieder als Physiotherapeut gearbeitet. In Indien habe ich z.B. in einem Kinder-Hilfsprojekt mitgearbeitet und Kinder oft auf der Strasse direkt auf dem Boden behandelt.  Danach führte mich mein Weg nach Dharamsala, wo ich auch das Men-Tsee-Khang Institut besucht habe. Dieser Besuch und die frühere Lektüre eines Buches von Tenzin Choedrak (ehem. Leibarzt des Dalai Lama) weckten die Faszination für die Tibetische Medizin. Später habe ich in Nepal in einer Klinik gearbeitet. Dort war auch ein tibetischer Arzt mit im Team und in vielen Gesprächen beim gemeinsamen Mittagessen hat‘s mich dann gepackt. Mich faszinierten die Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit sowie das ganze Medizinsystem. Danach ging mir der Wunsch, die Tibetische Medizin tiefer kennen zu lernen und zu verstehen, nicht mehr aus dem Kopf.

Bereits unterwegs begann ich dann zu recherchieren, was es für Ausbildungsmöglichkeiten gibt. Leider gab es damals noch keine fundierten Ausbildungen, vor allem keine längeren. So trug ich mich schon mit dem Gedanken, in Dharamsala anzufragen, da hat die Paramed einen neuen Lehrgang in Tibetischer Medizin ins Leben gerufen. Nachdem ich das Ausbildungsprogramm studiert habe, habe ich mich noch vor meiner Heimkehr zum rund 4 jährigen, berufsbegleitenden Lehrgang „Naturheilpraktiker Tibetische Medizin“ angemeldet. Die Ausbildung hat noch vor meinem Wiedereinstieg ins Arbeitsleben begonnen.

Gab es spezielle Höhepunkte während der Ausbildung?

Schwierige Frage (lacht). Die Ausbildung hat mir eine neue Welt mit einer anderen Denkweise eröffnet. Sie war für mich und mein Leben ein genereller Öffner. Fasziniert haben mich persönlich immer die medizinischen Fächer. Vor allem die Pulsdiagnose und die ganze Diagnostik der Tibetischen Medizin haben mich in ihren Bann gezogen und tun es immer noch. Daneben interessierten mich auch der buddhistisch-psychologische Anteil der Ausbildung und die tollen, wirkungsvollen Anwendungen für Geist und Psyche. Weiter gehörte auch die Kräuterkunde zu meinen Lieblingsfächern, die aber in der ganzen Ausbildung eher weniger Gewicht hatte.

Was fasziniert Sie bzw. was macht für Sie den Unterschied zur westlichen Medizin?

Ganz klar die Anschauung als Körper/Geist-Medizin, die ganzheitliche Betrachtungsweise und dass alles in einen grossen Kontext gesetzt wird. Oft ist die Behandlung nicht symptomatisch und setzt an einem ganz anderen Ort an, als es vordergründig nahe liegen würde. Die Tibetische Medizin behandelt also die tiefer liegenden Ursachen.  Es fasziniert mich sehr, wie die Tibetische Medizin mit den körpereigenen, einfachen Mitteln, wie sehen, spüren etc. und ohne grosse Labordiagnostik die Störungen findet und diese behandelt.

Wo könnte die Stärke der Tibetischen Medizin bei uns im Westen liegen?

Für mich persönlich liegen die Stärken vor allem bei der Behandlung chronischer Erkrankungen. Auch Patienten die von einem zum anderen Spezialisten weiter gereicht werden und deren Diagnose- und Therapiebemühungen unbefriedigend sind, finden in der Tibetischen Medizin oft Hilfe. In diesen Bereichen hat die Tibetische Medizin ihre spezielle Stärke, weil sie den Menschen als Ganzes anschaut und in der Therapie viele verschiedene Ebenen gleichzeitig  anspricht und behandelt.
Die Tibetische Medizin sieht Vieles auch einfacher. Ganz simpel könnte man das System auf das Verhältnis zwischen Hitze und Kälte reduzieren. Es gibt nicht zig verschiedene Werte, bildgebende Verfahren etc. die oft von verschiedenen Experten unterschiedlich betrachtet und interpretiert werden. Das macht die Tibetische Medizin auch zu einer günstigen Medizin. Zumal die Behandlung vor allem auch Veränderungen beim Menschen selbst, in seinem Lebensstil und seiner Ernährung in den Mittelpunkt stellt. Gleichzeitig wird auch der geistige Anteil in der Entstehung und der Behandlung von Erkrankungen heute immer wichtiger. Dieser Aspekt ist in der Tibetischen Medizin seit Anbeginn verankert.

Wie bereichert die Tibetische Medizin Ihre Arbeit als Physiotherapeut? Gehen Sie nun auch als Physiotherapeut anders an den Patienten heran?

Definitiv. Ich nehme bei fast jedem Patienten den Puls. Gewisse fragen dann nach, was ich genau mache. Die meisten Patienten sind dann sehr  interessiert. Wenn sich ein starkes Ungleichgewicht zeigt dann versuche ich neben den eigentlichen physiotherapeutischen Übungen auch darauf einzuwirken, um den Körper in ein ganzheitliches Gleichgewicht zu bringen.

Spüren und behandeln Sie die Patienten anders, als davor? Unabhängig vom Puls etc. quasi das Spüren von Ihren Händen am Patienten.

Ja sehr stark. Als Physiotherapeut liegt der Fokus auf den Gelenken und der Muskulatur sowie deren Beweglichkeit und Möglichkeiten. Das Ganze ist sehr logisch und strukturell. Das Wahrnehmen und Spüren auf einer anderen Ebene ist natürlich auch nicht Teil der Physio-Ausbildung. Deshalb bereichert die Tibetische Medizin mein Wirken gerade in diesem Bereich sehr stark.
Insofern spüre ich heute den Patienten anders als früher und nehme neben der Beweglichkeit auch feinere Dinge wahr. Ich trenne Physiotherapie und Tibetische Medizin auch nicht komplett, kann es wahrscheinlich auch gar nicht mehr. Auch wenn ein Patient mit einer Physiotherapie-Überweisung vom Arzt kommt, fliesst fast automatisch ein Teil TTM mit in die Behandlung ein. Gerade auch bei der Behandlung, versuche ich herauszufinden und zu spüren was der Patient braucht und vor allem auch wozu er im Moment bereit ist. Gewisse Menschen sind offen für eine Ernährungsumstellung, andere können einfacher mit körperlichen Übungen umgehen und wieder andere fühlen sich mit mentalen Übungen und Meditation am besten angesprochen. Ich hole die Patienten beim Einstieg in die Therapie da ab, wo sie gerade stehen und lasse nach und nach dann auch die restlichen Therapieaspekte einfliessen, sodass eine ganzheitliche Heilung zusammen mit dem Patienten möglich wird.

Was steht an Aus- und Weiterbildung noch auf Ihrem Plan?

Zurzeit beende ich gerade eine Ausbildung in „Craniosacraler Osteopathie“. Auch dies ist eine Therapierichtung die mich schon länger fasziniert. Sie hat sehr viele Parallelen zur Tibetischen Medizin und passt daher sehr gut zu deren Gedankengut und Art der Behandlung.
Gerne würde ich mich auch auf dem Gebiet der Kräuterkunde weiterbilden. Gerade auch darin, wie unsere westlichen, heimischen Kräuter in der Tibetischen Medizin verwendet werden können.

Diego Jud, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

diego judPraxis für Physiotherapie und Tibetische Medizin in Winterthur
www.diegojud.ch 

Posted by lma