Pflanzen in der Tibetischen Medizin

Der Schatz der Tibetischen Medizin ist das umfangreiche Wissen über die sinnvolle Kombination von Medizinpflanzen und Mineralien zu ganzheitlich wirkenden Rezepturn. Studien haben gezeigt, dass 40-70% aller Pflanzen in der Medizin verwendet werden könnten. Sie bilden auch das Rückgrat der Tibetischen Medizin.

Pflanzen haben gegenüber anderen Lebewesen einen entscheidenden Nachteil. Sie können vor ihren Feinden nicht fliehen. Daher sind sie durch große und kleine Pflanzenfresser, wie Weidetiere, Insekten, Raupen und andere Larven gefährdet. Auch Krankheitserreger wie Viren, Bakterien und Pilze machen den Pflanzen das (Über)-Leben schwer. Deshalb haben sie über Jahrmillionen eine ganze Reihe von Strategien und Schutzstoffe entwickelt. Diese helfen den Pflanzen, sich trotz fehlender Beweglichkeit vor Feinden zu schützen.

Medizinpflanzen für die menschliche Gesundheit

Für seine Gesundheit hat sich der Mensch diese pflanzlichen Schutzstoffe schon seit jeher zu Nutze gemacht. Auch die Tibetische Medizin bedient sich der Kraft der Medizinpflanzen. Die Kräuter, Wurzeln, Blätter, die in einer Tibetischen Rezeptur verwendet werden, liefern so unzählige Wirkstoffe.

Die Wirkung Tibetischer Rezepturen ist im Vorkommen von so genannten sekundären Pflanzenstoffen begründet. Damit schützen sich Pflanzen vor Schädlingen oder bedienen sich ihrer als Farb-, Duft- oder Lockstoffe bei der Fortpflanzung. Wichtige Vertreter von nützlichen sekundären Pflanzenstoffen, so genannten Phytamine, sind:

  • Gerbstoffe (Tannine): u.a. entzündungshemmend, antioxidativ
  • Farbstoffe (Flavonoide): u.a. immunmodulierend, antimikrobiell, antioxidativ
  • Ätherische Öle (Terpene): u.a. spasmolytisch, entzündungshemmend, antimikrobiell
  • Bitterstoffe: u.a. leber- und verdauungsfördernd
  • Scharfstoffe: u.a. appetitanregend, schmerz- und entzündungshemmend

Pflanzen im alten Tibet

Eine Geschichte aus der Zeit Buddhas gibt einen Hinweis auf die Vielfalt der Medizinalpflanzen: „Eines Tages bat der Meister seine Schüler, aufs Land zu ziehen und alles, was sie nicht für Medizin hielten, zurückzubringen. Innerhalb einiger Stunden kehrten die meisten von ihnen mit ein paar vermeintlich nutzlosen Pflanzen oder mineralischen Substanzen zurück. Am Ende des Tages waren alle Schüler, ausser einem, mit irgendetwas zurückgekehrt, das für sie scheinbar keinen medizinischen Wert besass. Aber erst nach mehreren Tagen erschien der letzte der Schüler staubbedeckt, erschöpft und mit leeren Händen. Ehrfürchtig erklärte er dem Meister: „Ich schaute überall in der Ferne, aber ich konnte nichts entdecken, was nicht Medizin wäre.“ Der Meister beglückwünschte und lobte ihn herzlich dafür, der einzige Schüler zu sein, der den medizinischen Wert aller Substanzen erkannt habe.“
Text aus Clark, Barry: Die Tibeter Medizin. Die Geheimnisse der Heilkunst aus den Hochtälern des Himalaya. Otto Wilhelm Barth Verlag, 1997, München.

Ernten und Trocknen – in Tibet eine Wissenschaft für sich

Früher wurden in der Heilkunst der Tibetischen Konstitutionslehre nur Wildkräuter verwendet. Heute kommen die meisten Medizinalpflanzen aus spezialisierten Anbauprojekten. Dadurch lässt sich die Qualität der Medizinpflanzen einfacher kontrollieren und bleibt konstant. Weiter kann eine Verwechslung mit anderen Pflanzenarten dadurch ausgeschlossen werden.

Für das Sammeln und Zubereiten der Pflanzen halten die alten Medizintexte die ideale Jahreszeit, astrologische Kriterien und Wetterbedingungen fest. Pflanzen müssen unbeschädigt sein und an einem günstigen Standort wachsen. Auch die Behandlung vor dem Trocknen, die Trocknungsbedingungen und weitere Aufbereitungsmassnahmen sind festgelegt. Der Anspruch der Traditionellen Tibetischen Medizin an die Qualität der Rohstoffe war und ist nach wie vor sehr hoch. Zur Veranschaulichung nachfolgenden Auszug aus dem rGyudbzhi (Gyüshi). Das Gyüshi ist seit jeher das Hauptlehrbuch der Traditionellen Tibetischen Medizin.

„Südlich erhebt sich der Berg bigsbyed (Big-tsche), „der Schneidende“, der die Kraft der Sonne besitzt. Dort sind Arzneien wie Granatapfel, schwarzer Pfeffer, langer Pfeffer, weisser Bleiwurz (tsitraka) usw. zu finden, die Krankheiten von kalter Natur heilen. Die Pflanzen seiner Wälder sind von scharfem, saurem und salzigem Geschmack; ihre Wirkkräfte sind heiss und scharf. Die medizinischen Wurzeln, Stämme, Äste, Blätter, Blüten und Früchte sind wohlriechend, anziehend und lieblich anzuschauen, und wo auch immer ihr Duft verströmt, wird keine Kälte-Krankheit auftreten.“

Vielfalt als Wirkprinzip

Tibetische Pflanzenmischungen zeichnen sich durch ihren Reichtum an wirkungsvollen Bestandteilen sowie durch die geringe Dosierung der einzelnen Stoffe aus. Darin unterscheiden sie sich von den heute überwiegend hoch dosierten Einzelextrakten der modernen Phytomedizin. Die Zusammensetzung Tibetischer Pflanzenkompositionen beruht auf einem ausgeklügelten System: Rezepturbestandteile sind so aufeinander abgestimmt, dass sie sich in ihren positiven Eigenschaften unterstützen und mögliche unerwünschte Nebenwirkungen reduziert werden.

Durch ihre Stoffvielfalt setzen diese Rezepturen unzählige Signale im Körper frei. Diese beeinflussen wiederum unterschiedliche Stoffwechselprozesse im Körper. Man spricht in diesem Falle auch von einer „multi-target“ oder vielschichtigen Wirkung. Der „multi-target“-Ansatz scheint gerade bei der Bekämpfung von komplexen Zivilisationskrankheiten, wie der Arteriosklerose, ein vielversprechender Ansatz zu sein. Die Tibetische Medizin könnte hier dank ihres über Jahrhunderte erworbenen und erprobten Wissens neue Wege bei der Behandlung dieser komplexen Krankheiten aufzeigen.

Posted by rr