Interview mit Dr. Tsultrim Lobsang Tsona

Dr. Tsultrim Lobsang ist der Sohn des verstorbenen Dr. Jamyang Tashi Tsona, ehemaliger Leibarzt von S.H. dem 14. Dalai Lama. Amchi Lobsang absolvierte einen 5-Jahreskurs des Medizinstudiums, gefolgt von einem 2-Jahrespraktikum am Men-Tsee-Khang (Tibetan Medical Institute) in Dharamsala/Indien. Heute lebt und arbeitet Dr. Tsultrim Lobsang in Holland und hält Vorträge rund um die Welt zur Tibetischen Konstitutionslehre.

An der Medizinkonferenz zum Thema „Tibetische Arzneimittel in der modernen Medizin“ an der Univeristät Zürich, vom 27. September 2012, gab er folgendes Interview:

Wann kamen Sie das erste Mal mit der Traditionellen Tibetischen Medizin (TTM) in Berührung?

Mein verstorbener Vater, Dr. Jamyang Tashi, war in den 60er Jahren einer der wenigen Tibetischen Ärzte im Exil. Als ich zur Schule ging, war ich von seiner Liebe und Fürsorge für seine Patienten immer sehr beeindruckt. Während meinen Schulferien habe ich ihm gerne in der Praxis geholfen.

Hat die Tibetische Medizin in Ihrer Familie Tradition?

Ja, in meiner Familie gibt es vier Tibetische Ärzte. Mein Vater, Jamyang Tashi Tsona, war der erste. Er hat seine Ausbildung von Lama Khanrab Norbu erhalten, dem persönlichen Leibarzt des 13. Dalai Lama und schloss seine Ausbildung am Men-Tsee-Khang Institut in Lhasa, Tibet ab. Ich bin der zweite Tibetische Arzt in meiner Familie, mein Bruder, Dr. Tenzin Chokden, der dritte und meine Tochter, Tenzin Thongdol, die vierte.

Warum sind Sie Arzt geworden?

Ich wollte in die Fussstapfen meines Vaters treten. Ausserdem ist der Beruf des Tibetischen Arztes meiner Meinung nach einer der wenigen, in denen man anderen Menschen, die leiden, wirklich helfen kann.

Warum kamen Sie nach Europa?

Vielleicht ist es eine karmische Verbindung mit den Menschen in Europa und im Vergleich mit Tibet und Indien gibt es hier ja erst ganz wenige Tibetische Ärzte.

Können Sie das genauer erklären?

Die Tibetische Medizin ist nicht nur für Buddhisten oder Tibeter da. Unser Medizinsystem kann allen nützen. Ich sehe auch, dass sich viele Europäer neben den bestehenden Behandlungsmöglichkeiten von Tibetischen Ärzten beraten lassen. Das ist populärer als noch vor ein paar Jahren.

Wo sehen Sie die Stärken der Tibetischen Medizin?

Die Stärke der Tibetischen Medizin liegt darin, dass sie sowohl den Körper als auch den Geist ins Gleichgewicht bringen kann.

Was für Patienten kommen zu Ihnen?

Ich habe ganz unterschiedliche Patienten. Die meisten kommen zu mir wegen chronischen Krankheiten wie Probleme mit der Verdauung, Störungen im gastrointestinalen Bereich, rheumatischen Beschwerden, Asthma, MS, Hautkrankheiten, Krebs und Störungen, die im Zusammenhang mit Stress auftreten.

Sie sind auch Koordinator des CCTM (Dachverband für Tibetische Ärzte) in Europa. Was ist das Ziel Ihrer Arbeit?

Meine persönlichen Ziele sind folgende:

  • Ich möchte Tibetische Ärzte, die in Europa praktizieren, an einen Tisch bringen, so dass sie gegenseitig ihre Erfahrungen austauschen können.
  • Das reichhaltige Wissen der Tibetischen Medizin bekannter machen.
  • Netzwerkgruppen mit verschiedenen Schulen bilden, die sich mit der Tibetischen Medizin beschäftigen und damit den Wissensaustausch fördern.
Wo liegen die Schwierigkeiten für die Tibetische Medizin in Europa?

Es gibt verschiedene Schwierigkeiten für die Tibetische Medizin in Europa. Sie ist weder offiziell anerkannt noch bekannt. Erst wenige europäische Länder haben ihre Arzneimittel anerkannt. Ausserdem erstatten die wenigsten Krankenversicherungen die Kosten für Tibetische Arzneimittel sowie Konsultationen zurück.

Wie kann die Tibetische Medizin im Westen richtig Fuss fassen?
  • Wir brauchen mehr evidenz-basierte Forschung.
  • Es müsste einen starken Dachverband für Tibetische Medizin in Europa geben.
  • Wir müssen uns mit anderen Medizinsystemen vernetzen.
  • Tibetische Ärzte müssen sich an die gesetzlichen Vorgaben der Länder sowie der EU halten.

Vielen Dank für das Gespräch Dr. Tsultrim Lobsang.

Posted by rr