Ich behandle Menschen, keine Krankheiten

Aleksej Zasuhin arbeitet und lebt als Forscher sowie Lehrer der Tibetischen Medizin in Berlin. Dort leitet er auch die Praxis für Physiotherapie und Tibetische Medizin, das Umahaus. Weiter ist er Autor des Buches „Moderne Tibetische Medizin“.

Aleksej Zasuhin wurde 1970 in Ulan-Ude (Sibirien) geboren. Schon in seiner Jugend erhielt er Unterricht von Dr. Chimit Dorzhi Dugarov, dem großen Heiler und späteren Vorsitzenden der Tibetischen Medizin in Russland. Aleksej absolvierte ein Studium zum Lehrer und Forscher der Tibetischen Medizin. Danach schloss er in Moskau eine medizinische Ausbildung zum Krankenpfleger ab. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin, bildete sich Aleksej Zasuhin an der Prof. Dr. med. Paul Vogler-Schule zum Physiotherapeuten aus.

Auf einer Wanderung zum Bachtel im Zürcher Oberland entstand folgendes Interview mit Aleksej Zasuhin. Viel Spass beim lesen!

Ihre Lebensgeschichte führte Sie von Sibirien nach Berlin, wo sie eine Praxis für Tibetische Medizin betreiben. Wie kam es dazu?

(lacht) Karma. Ich bin als kleiner Junge auf ein Buch über Kriminalistik und Pathologie gestossen. Von da an wollte ich Pathologe und später Neurochirurg werden. Bereits mit 18 Jahren war ich ausgebildeter Krankenpfleger. Weitere medizinische Erfahrungen habe ich beim Militärdienst gesammelt. Dort erkannte ich, dass die geistige Medizin mir näher liegen würde. Nur die Leidenschaft für externe Anwendungen am Körper wollte ich nicht verlieren. Darum entwickelte ich handwerkliche Fähigkeiten in verschiedenen medizinischen Techniken. Mit 28 Jahren wurde ich Physiotherapeut.

… und wie kamen Sie nun zur Tibetischen Medizin?

Die Tibetische Medizin begleitete mich seit meiner Kindheit und wurde zur Grundlage meiner weltlichen und medizinischen Auffassungen. Psychophysiologie – das ist heute mein Bereich. Am Anfang müssen Wissen und Bewusstsein stehen. Bevor eine gewisse Methodik angewendet wird, sollte das Ziel verstanden werden und der Sinn dahinter. Dieser kann sein, die Grenzen zu verschieben und zu erweitern, den Menschen ihre Angst zu nehmen, mentale Blockaden und physische Defizite zu beseitigen.

Wann kamen Sie das erste Mal mit der Tibetischen Medizin in Berührung?

Als ich 9 Jahre alt war, wurde meine Mutter von einem Tibetischen Arzt behandelt. Es war Chimit-Dorzhi Dugarov [siehe auch Das Wissen vom Heilen von Franz Reichle]. Der Duft der Kräuter hat mich fasziniert, ebenso die Fingerfertigkeit im Umgang mit dem Silberlöffel und dem Pergamentpapier bei der Verteilung der Heilkräutermischungen.

Sie waren einer der Ersten, der in Berlin eine Praxis für Tibetische Medizin eröffnet hat. Welche Schwierigkeiten waren hierbei zu meistern? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ja, ich denke, ich war 2005 einer der Ersten, wobei mir das nicht so wichtig ist. Schwierigkeiten hatte ich an sich keine, da ich als Physiotherapeut angefangen habe. Jedoch war es schwer, meine Ausbildung als Lehrer und Forscher der Tibetischen Medizin anerkennen zu lassen. So habe ich anfangs in Krankenhäusern in Berlin praktiziert, um meine Qualifikation nachzuweisen.

Welche Art von Beschwerden haben Ihre Patienten?

Das kommt darauf an, von welchem Arzt der Patient kommt. Ein Grossteil meiner Patienten kommt auf Empfehlung ihres Arztes zu mir. Darunter sind Orthopäden, Chirurgen, Neurologen, Gynäkologen, Urologen, aber auch Zahnärzte schicken ihre Patienten zu mir. Diese Menschen haben Rückenschmerzen, Halsschmerzen, Beckenschmerzen, usw. Ich behandle Menschen, keine Krankheiten, und ich erreiche mit meiner Behandlung gute Ergebnisse.

Standbild aus dem Video mit Aleksej Zasuhin

Wie ist Ihr Behandlungsansatz und wie wirken Sie diesen Beschwerden entgegen?

Dazu habe ich mehrere Methoden: zunächst Analyse und Diagnose des Patienten. Danach folgen manuelle Behandlungen, die individuell nach Tiefe und Intensität angesetzt sind. Ich verwende heilende Düfte der ätherischen Öle, welche ich Salben beimische, Moxibustion und Schröpfen, Ausübung gymnastischer Übungen als Hausaufgabe, parallel dazu Ernährungs- und Lebensberatung. Ich arbeite ganzheitlich, d.h. ich versuche die passende Methode bzw. den passenden Impuls zu finden, um den Gedanken bei den Menschen zu erwecken. Ein Mensch entwickelt sich genau dahin, wohin er will. Dabei ist das Wissen wie eine Prophylaxe. Wer mehr weiss, kann mehr bewirken. Intuition ist, in kurzer Zeit viel Wissen und Emotion zusammenzubringen. Je besser man sich geistig entwickelt hat, desto ganzheitlicher wird und wirkt Medizin.

Wo sehen Sie die grösste Problematik unserer Zeit?

Die enorme Stressbelastung, die zunehmende Beschleunigung unserer Gesellschaft und das Nichtwissen darüber, erachte ich als grosse Probleme unserer Zeit.

Können Sie unseren Lesern ein paar Tipps geben, ihren alltäglichen Stress besser zu bewältigen?

Oft hilft es, sich eine Gedankenpause einzuräumen, um Stress, Leistungsdruck und die Beschleunigung unserer Gesellschaft besser zu bewältigen. Zudem ist es hilfreich, in die Gesellschaft, die Moral einer Gesellschaft, das Wissen und die Traditionen hineinzuschauen, um zu verstehen, was uns hemmt und welche Verbote uns bremsen. Ein allgemeiner Tipp ist jedoch schwierig. Dies muss individuell betrachtet werden.
Liebe, Mitgefühl, Freude und Gelassenheit sind für jeden von uns wichtig.

Sie praktizieren in der kosmopolitischen Stadt Berlin, in der selbst viele Trends unserer Zeit gelebt und geboren werden. Ein Widerspruch zur traditionellen Tibetischen Medizin?

Nein, da gibt es keinen Widerspruch. Die Tibetische Medizin kennt keine Grenzen. Es ist eine Art der Betrachtung, keine Methode, die immer gleich angewendet wird. Tibetische Medizin in Österreich sieht anders aus als in Afrika. Die Tibetische Medizin ist das, was mich ausmacht. Ich versuche, den Menschen in der Stadt zu helfen.

Wo sehen Sie die Zukunft der Tibetischen Medizin in der westlichen Welt und Kultur?

Die Tibetische Medizin soll ihr Gesicht behalten. Eine gewisse Anpassung zu europäischen Verhältnissen sollte jedoch stattfinden. Die Tibetische Medizin basiert auf einem ganzheitlichen Anfang und der Ganzheitlichkeit des Wissens vom Heilen. Wenn eine Gesellschaft die geistige Richtung verliert, ist sie hierfür sehr gut geeignet, eine neue Richtung zu geben, ohne religiöse Ansprüche. Wer Tibetische Medizin betreibt, muss nicht Buddhist sein, sondern menschlich.

Vielen Dank für das Gespräch Aleksej Zasuhin.

Posted by rr